Zelluloid — Werkstoff, Eigenschaften und industrielle Verwendung

Zelluloid gilt als der erste thermoplastische Kunststoff der Geschichte — ein halbsynthetischer Werkstoff, der die industrielle Fertigung von Brillen, Filmen, Kämmen und Spielzeug erst möglich machte. Dieser Steckbrief erklärt Aufbau, Eigenschaften, Geschichte und Verwendung.

Historische Gegenstände aus Zelluloid: aufgerollter 35-mm-Filmstreifen, Kamm, Brillengestell und Tischtennisbälle
Typische Zelluloid-Produkte: Kinofilm, Kämme, Brillengestelle und Tischtennisbälle.

Was ist Zelluloid?

Zelluloid ist ein halbsynthetischer Thermoplast aus Cellulosenitrat (auch Nitrocellulose genannt) und Kampfer als Weichmacher. „Halbsynthetisch" bedeutet, dass der Werkstoff nicht aus Erdöl, sondern aus dem Naturstoff Cellulose gewonnen und chemisch umgewandelt wird. Unter Wärme lässt sich Zelluloid plastisch verformen und behält nach dem Abkühlen seine Form — genau diese Eigenschaft macht es zum ersten echten Thermoplast.

Der Kampfer ist dabei kein Beiwerk, sondern entscheidend: Er macht die sonst spröde Nitrocellulose biegsam und formbar. Erst die Kombination beider Stoffe ergibt das transparente, glänzende Material, das sich pressen, walzen und einfärben lässt. Der Markenname „Celluloid" stammt aus den USA und ging später als Gattungsbegriff in den Sprachgebrauch über; im Deutschen schreibt man ihn „Zelluloid".

Chemisch gesehen ist Cellulosenitrat ein Ester der Cellulose, bei dem Salpetersäure die Hydroxyl-Gruppen verestert hat. Genau dieser Stickstoff-Sauerstoff-Anteil verleiht dem Werkstoff seine charakteristische, aber auch gefährliche Eigenschaft: Er macht ihn formbar — und zugleich hochentzündlich.

Eigenschaften im Steckbrief

Zelluloid ist leicht, glasklar einfärbbar und gut zu bearbeiten — aber hitzeempfindlich und vor allem leicht entflammbar. Die folgenden Kerndaten sind Richtwerte aus der Werkstoffliteratur; die genauen Werte schwanken je nach Mischungsverhältnis und Zusätzen.

Die Eigenschaften von Zelluloid erklären zugleich seinen historischen Erfolg und seinen späteren Niedergang. Es lässt sich auf Hochglanz polieren und täuschend echt als Imitat von Elfenbein, Horn oder Schildpatt einfärben — deshalb war es bei Kämmen, Knöpfen und Schmuck so beliebt. Gegenüber Hitze, Sonnenlicht und Alterung ist es dagegen empfindlich: Mit den Jahren vergilbt das Material, wird spröde und kann schrumpfen. Diese begrenzte Beständigkeit ist neben der Brennbarkeit der Hauptgrund, warum moderne Kunststoffe Zelluloid abgelöst haben.

Steckbrief Zelluloid — Richtwerte aus Tabellenwerk und Fachliteratur. Dichte- und Temperaturangaben sind material- und rezepturabhängig.
WerkstoffklasseHalbsynthetischer Thermoplast (Cellulosenitrat + Kampfer)
Dichterund 1,35–1,40 g/cm³
Aussehenglasklar bis transluzent, gut einfärbbar, hochglänzend
Verformbarkeitthermoplastisch, ab ca. 80–90 °C formbar
Brennbarkeitleicht entflammbar, brennt sehr schnell (Nitrocellulose)
Zersetzungbeginnt bei etwa 120–150 °C, Selbstentzündungsgefahr
Beständigkeitempfindlich gegen Hitze, UV und Alterung (vergilbt, versprödet)
VerarbeitungPressen, Walzen, Sägen, Schleifen, Polieren

Geschichte: Erfindung im 19. Jahrhundert

Den Grundstein legte der Brite Alexander Parkes, der 1862 auf der Weltausstellung in London unter dem Namen „Parkesine" einen frühen Cellulose-Werkstoff vorstellte. Marktreif wurde die Idee jedoch erst in den USA: Der Erfinder John Wesley Hyatt suchte nach einem Ersatz für das knapp werdende Elfenbein, aus dem damals Billardkugeln gefertigt wurden. Um 1869/1870 gelang ihm mit dem Zusatz von Kampfer der Durchbruch; den Markennamen „Celluloid" ließ er 1870 schützen.

Damit war Zelluloid der erste Kunststoff, der großtechnisch produziert wurde — lange vor den erdölbasierten Kunststoffen des 20. Jahrhunderts. Es ersetzte teure Naturstoffe wie Elfenbein, Horn und Schildpatt und demokratisierte damit Alltagsgegenstände vom Kamm bis zur Brille. Was zuvor Luxus war, wurde plötzlich industriell und bezahlbar herstellbar.

Die Bedeutung dieser Erfindung reicht weit über das Material selbst hinaus: Zelluloid leitete das Kunststoffzeitalter ein und gilt als Vorläufer aller modernen Thermoplaste. Ohne den preiswerten Filmträger aus Zelluloid wäre auch die Geschichte des Kinos anders verlaufen.

Verwendung in der Industrie

Zelluloid prägte über Jahrzehnte ganze Branchen. Die wichtigste Anwendung war lange der Kino- und Fotofilm (Nitrofilm), dessen Trägerschicht aus Cellulosenitrat bestand. Daneben fand der Werkstoff breite industrielle Verwendung:

Kino- & Fotofilm Brillengestelle Tischtennisbälle Kämme & Haarschmuck Puppen & Spielzeug Plektren Füllfederhalter Modellbau

Viele dieser Anwendungen sind heute Geschichte. Tischtennisbälle etwa bestanden bis 2014 aus Zelluloid, bevor der Weltverband auf einen schwerer entflammbaren Kunststoff umstellte. In Nischen wie hochwertigen Brillengestellen, Plektren für Saiteninstrumente oder im Modellbau wird Zelluloid wegen seiner Optik und Haptik bis heute geschätzt.

Brennbarkeit & Gefahren

Die größte Schwäche von Zelluloid ist seine leichte Entflammbarkeit. Da Cellulosenitrat chemisch mit Salpetersäure verbundener Sauerstoff enthält, brennt das Material extrem schnell und ist im Brandfall kaum zu löschen — es liefert den Sauerstoff praktisch selbst mit. Schon bei Temperaturen um 120 bis 150 °C beginnt die Zersetzung, im ungünstigen Fall bis zur Selbstentzündung.

Sicherheitshinweis

Alte Nitrofilme und Zelluloid-Objekte gehören kühl, trocken und brandgeschützt gelagert. Historische Filmarchive bewahren Nitromaterial aus diesem Grund in speziellen, gekühlten Bunkern auf. Im Zweifel keine Hitzequellen (Föhn, offene Flamme) in die Nähe bringen.

Nachfolgematerialien

Wegen der Brandgefahr wurde Zelluloid ab Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgedrängt. Den wichtigsten Ersatz lieferte Celluloseacetat (Acetylcellulose), das als „Sicherheitsfilm" (safety film) deutlich schwerer entflammbar ist und ab den 1950er-Jahren den Nitrofilm ablöste. Acetat wird bis heute für Brillengestelle verwendet — was oft mit Zelluloid verwechselt wird.

Für viele weitere Anwendungen übernahmen vollsynthetische Thermoplaste wie ABS, Polystyrol oder Polycarbonat. Sie sind alterungsbeständiger, formstabiler und ungefährlich im Brandverhalten. Zelluloid blieb damit ein Pionierwerkstoff, der die Kunststoffära einleitete, in der Massenfertigung heute aber kaum noch eine Rolle spielt. Wer sich für weitere Werkstoffe interessiert, findet im Holzarten-Überblick und bei den Farben & Lacken (Stichwort Nitrolack) verwandte Themen.

Häufige Fragen

Was ist Zelluloid?

Zelluloid ist der erste in Serie gefertigte, halbsynthetische Thermoplast. Es entsteht aus Cellulosenitrat (Nitrocellulose) und Kampfer als Weichmacher und lässt sich unter Wärme formen.

Woraus besteht Zelluloid?

Hauptbestandteil ist Cellulosenitrat, dem rund 20 bis 30 Prozent Kampfer als Weichmacher zugesetzt werden. Farb- und Füllstoffe ergänzen die Mischung je nach Anwendung.

Ist Zelluloid brennbar oder gefährlich?

Ja. Wegen des Nitrocellulose-Anteils ist Zelluloid leicht entflammbar und brennt sehr schnell; bei Hitze kann es sich zersetzen. Deshalb wird es kühl, trocken und brandgeschützt gelagert.

Wofür wird Zelluloid heute verwendet?

Heute nur noch in Nischen, etwa für Plektren, hochwertige Brillengestelle, Kämme und Modellbau. Frühere Massenanwendungen wie Kinofilm und Tischtennisbälle wurden durch andere Kunststoffe ersetzt.

Was ist der Unterschied zwischen Zelluloid und Celluloid?

Es gibt keinen. „Celluloid" ist die englische, „Zelluloid" die eingedeutschte Schreibweise desselben Werkstoffs.

Warum wurde Zelluloid weitgehend abgelöst?

Vor allem wegen der hohen Brennbarkeit. Celluloseacetat („Sicherheitsfilm") und moderne Thermoplaste sind schwerer entflammbar und alterungsbeständiger.

Ist Zelluloid ein Kunststoff?

Ja. Zelluloid gilt als der erste thermoplastische Kunststoff der Geschichte — ein halbsynthetisches Material auf Cellulose-Basis.

Woran erkennt man Zelluloid?

Ein typisches Merkmal ist der schwache Kampfergeruch, besonders nach Reibung oder Erwärmung. Sichere Bestimmung gelingt nur mit Vorsicht, da das Material leicht entzündlich ist.

Quellen: Werkstoff-Tabellenwerke und chemisches Fachschrifttum (u. a. Römpp Chemie-Lexikon). Angaben ohne Gewähr · material- und rezepturabhängige Richtwerte.